Wenn das einzige was morgens am Frühstückstisch lächelt…das Müsli ist…

3. Juni 2020 0 Von Uta Lewien-Schmidt

Es gibt sie, den Start in den Tag, wo einfach alles nicht so vielversprechend anfängt. Die Nacht war vielleicht schlecht, Du hast wenig geschlafen, weil Dir vielleicht noch so viel im Kopf herum ging. Das Wochenende ist vorbei und es beschäftigt Dich noch. Immer dann, wenn die Familie zusammenkommt, versucht man alles richtig zu machen, niemanden zu kurz kommen zu lassen und der Harmonie viel Raum zu geben. Dann steckst Du schon mal zurück und versuchst alles ein bisschen gelassener zu sehen. Und es gelingt vielleicht nicht. Weil die Erwartung, die Du hattest, viel zu groß und die Agenda viel zu lang war. Du hättest gerne noch mit Deinen Kindern etwas besprochen, bevor sie wieder in die neue Arbeitswoche verschwinden. Vielleicht hättest Du auch ihre Hilfe benötigt, bei der einen oder anderen Sache. Das gibt Dir dann ein bisschen das Gefühl, nicht mehr so wichtig zu sein. Du bist enttäuscht. Niemand hat eigentlich wirklich Zeit in den letzten Tagen oder Wochen gehabt. Alle sind überbeschäftigt und erzählen vom Stress an der Arbeit, in der Schule oder das es im Alltag nicht so läuft wie geplant. Und dabei hast Du doch immer geholfen, wenn die Familie gerufen hat, wenn der Babysitter gebraucht wurde…Warum muss man ausgerechnet nachts darüber nachdenken? Sinnlos, denn wenn man ganz ehrlich zu sich selbst ist, dann bringt das Jammern und Verschütten von Selbstmitleid nichts. Nur durchwachte Nächte und schlechte Gefühle.

Bei mir gibt es diese Tage auch. Wenn zum Beispiel Kilometer mich von der Familie oder vom Partner trennen, dann schlafe ich vom Sonntag auf den Montag schon mal schlechter, weil ich nicht so schnell umschalten kann. Ich vermisse einfach die Zweisamkeit. Am Montag wartet meistens der ganz normale Wahnsinn wieder uns. Du kennst das: Die Termine drücken, der Schreibtisch ist voll und die privaten Verpflichtungen rufen. Auch wenn Du nicht mehr arbeiten solltest, Du weißt ja, das genau dieser Altersgruppen – den Rentnern und Pensionären – chronischer Zeitmangel nachgesagt wird. Der Tag ist immer wieder voll bis oben hin. Vor einigen Nächten habe ich schlecht geschlafen, weil meine kleine Havaneserhündin sich Grasmilben eingefangen hatte. Ständiges Pfotenlecken oder Kratzen raubte mir den Schlaf. Zwischendrin war ich selbst schon fest davon überzeugt, selbst ein Opfer dieser kleinen Bewohner zu sein. Der hektische Juckreiz war auch bei mir schon scheinbar vorhanden. In der Folge, also nachts so gegen 3.00 Uhr, standen Fiby und ich im Bad vor dem Waschbecken und machten ein Wellnessbad in Kernseifenlauge und spülten die Pfötchen mit Apfelessiglösung. Der Hund schaute mich mit verträumten und liebevollen Augen an, als die Linderung des Juckreizes langsam sich einstellte. Also mit glücklichem Hund wieder zurück ins Bett und dann nicht gleich wieder eingeschlafen. Im Bett hin und her gewälzt und dann führten meine verklebten Faszien einen dauerhaften Dialog mit mir. Die kleine Anmerkung für die glücklichen Menschen, die nicht wissen, dass sie so etwas haben – wir reden hier von Weichteil-Komponenten des Bindegewebes, die sich jedoch verdrehen, verhärten oder verfilzen, und dann schmerzhaft sind. Das auch noch. Ob nun jetzt die Vierbeiner oder früher die Kinder, wir haben uns so manche Nacht um die Ohren geschlagen. Wir sind morgens wie immer aufgestanden und haben unseren Plan durchgezogen. Koste es, was es wolle.

Und doch war heute etwas anders. Mit aufgestützten Armen saß ich erst mal vor der ersten Tasse Kaffee, der Magen knurrte und ich war einfach nur noch müde. Mit Schmerzen in den Armen und der Müdigkeit brachte ich es in diesem Moment sicherlich auf ein Körpergefühl von mindestens 120 Jahren. Aber dann spürte ich sie, die Komik der Situation. Klar war, es war weder die erste, noch die letzte Nacht meines Lebens, die nicht mit exzellentem Tiefschlaf belohnt würde. Bei der Vorstellung, welches Bild meine geplagte Hündin und ich abgegeben haben, musste ich jetzt fast schallend lachen. „In unserem Alter“ steckt man durchwachte Nächte nicht mehr so weg, egal, was die Gründe dafür sind. Eine durchgetanzte Nacht, wäre mir sicher lieber gewesen. Da war er wieder. Der Humor, der es mir möglich machte, selbst über mich zu lachen. Es war kein Drama. Dem Hund ging es gut, ich habe wahrscheinlich ein paar Augenringe mehr unter den Augen, aber ich fühlt mich auf einmal richtig gut. Ich war für das Lebewesen da, was mir sehr viel bedeutet. Ich habe geholfen, genau so, wie wir es in der Vergangenheit immer gemacht haben, wenn die Familie uns brauchte, eine Freundin die halbe Nacht am Telefon ihren Liebeskummer auskippte…wie auch immer. Ich sagte mir selbst, dass es nicht dramatisch war, ich diese Nacht sicher gut überstehen werde. Wir waren zwar müde, aber gesund! Es gibt im Leben manchmal wirklich Dramen, die schlaflose Nächte bereiten, für die man noch viel mehr einsetzen würde, um das Unheil abzuwenden. Also mal die Perspektive wechseln. Vielleicht ist das Drama nach dem 1. Akt doch eher eine Komödie, über die man wieder lächeln kann.

Und als ich dann das Müsli in die Schale gab, da ging dann der Humor richtig mit mir durch. Das Ergebnis war das Foto. Ich fühlte mich gut, hatte mein Lächeln wieder gefunden. Und ich wusste, was sich verändert hatte in meiner Einstellung. Früher wäre ich jeden Termin auf der Agenda hinterher gehechelt. Immer wieder versucht, mich möglichst selbst zu überholen. Verlorene Zeit musste ja immer aufgeholt werden. Falsch! Ich habe keine Zeit verloren. Ich habe Zeit für mich gewonnen, denn heute wechsele ich die Prioritäten. Ich darf müde sein, ich darf auch weniger perfekt sein, ich genieße das Hundeglück…und streiche großzügig auf der Liste der To Do´s.

Der Tag war ruhiger, entspannter und glücklich. Ich weiß, die Wissenschaft sagt, man kann keinen Schlaf nachholen…ich bin dann dem Ruf nach der Bettdecke doch etwas eher gefolgt. Weniger Fernsehen, ein gutes Buch und etwas eher und sehr gut bis in den nächsten Morgen geschlafen.

Vielleicht schaffst Du es auch, ab und zu die Inszenierung zu ändern und das Drehbuch umzuschreiben. Ich bin überzeugt, Du schreibst Dir selbst die besten Kritiken, wenn Du es versuchst und es Dir gelingen wird, dem vermeintlichen Drama keine Bühne zu geben.

Veröffentlicht am 18. Juli 2019 von Uta Lewien