Glaubenssätze und Erwartungen

4. Juni 2020 0 Von Uta Lewien-Schmidt

Erwartungsvoll immer wieder stolpern über zu hoch gestellte Erwartungen aus Glauben, Hoffen und Wünschen. Wenn es gelingt diese auf ein Minimum zu beschränken, kann das Herz endlich Ruhe finden.
© Karin Thießen (*1958), Autorin


Warte nicht, es gibt nie den einen passenden Moment!


Lange gewartet haben wir auf ihn, den Frühsommer. Er macht seinem Namen alle Ehre. Erwartungsgemäß! Blauer Himmel mit hohen Temperaturen lassen uns fast vergessen, dass nun die Tage doch schon wieder kürzer werden. Kaum hat die schöne Zeit begonnen, müssen wir uns jeden Tag mit weniger zufriedengeben.

Noch haben wir wenig Einfluss auf die Qualität des Sommers, wer weiß, vielleicht werden zukünftige Generationen ihren Sommer im Voraus kreieren können. Möglich wäre auch, dass er vom Klimawandel künftig mehr bestimmt ist, als uns lieb sein könnte. Aber wie wir mit guten oder schlechteren Sommern umgehen, das lässt sich von uns gestalten.

Und genau darum geht es.

Auch diese Woche schon über zu hoch gestellte Erwartungen gestolpert? Entweder die, die Du an andere hattest oder gar an Dich selbst?
Erwartungen sind ein zentraler Begriff in der Soziologie. Wir stellen eine Annahme auf, eine Vermutung darüber, wie sich Dinge, Menschen oder wir selbst entwickeln oder verhalten sollen. Wunschgemäß. Mit dem Wünschen ist das jedoch so eine Sache, denn das kann dann in die eine oder andere Richtung Fahrt aufnehmen. Demjenigen, dem wir ohnehin nicht viel zutrauen, wo Zweifel schon manifestiert sind, dass das Ziel nicht erreicht wird, begegnen wir mit Zurückweisung oder Enttäuschung. Und dieser Anspruch entsteht in uns, ohne das manchmal unsere Mitmenschen überhaupt eine Ahnung davon haben, mit welcher Erwartungshaltung wir im Alltag ihnen gegenübertreten. Fast manipulativ beantworten wir im Gespräch manche Frage in einem Dialog schon selbst, weil wir ja genau zu wissen glauben, wie der Gesprächspartner reagieren wird. Ein wirklicher Austausch von Informationen oder Nachrichten – bleibt hier manchmal auf der Strecke. Und wir selbst gehen oft nicht besser mit der eigenen Person um. Erwartungen wurden an uns oft schon seit der Kindheit gestellt, die wir natürlich erfüllen wollten, weil davon auch Akzeptanz und Zuneigung erhalten werden kann. Oder wir sollten diese möglichst erfüllen. Sehr schnell wussten wir als Kinder, wie hier die Regeln lauteten. Waren aber auch in der Lage, unserem Missmut über nicht eingehaltene Versprechen laut kundzutun. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere von uns noch an den empörten Ausruf unserer Kinder, dass wir doch das fest versprochen hätten…

Oft vertrauen wir wenig in uns selbst, unseren Zielen gerecht zu werden, weil wir vielleicht in der Vergangenheit, den Erwartungen anderer scheinbar nicht entsprochen haben. Den Wettbewerb um das Erreichen der Ziele kennen wir…“erwartungsgemäß das sportliche Ziel erreicht…oder dann doch nicht“…oder die Zeugnisse aus der Schule mit dem „die Leistungen haben…entsprochen oder auch nicht…“ . In vielen Situationen bewerten wir entsprechend unserer oder den Meinungen anderer, ERWARTUNGEN. Und im Business versuchen wir mit Strategien, Erwartungen des Kunden zu befriedigen. Als Kunde gehen wir von optimalen Service aus, der ja bei diesem Preis „zu erwarten wäre“. Maßstabsgetreu und alles legal.

Aber wenn Erwartungen doch eine Form von Vermutungen sind, dann gibt es doch andere Wege, ihnen zu begegnen. Unerwartete Komplimente oder ein Lob zu erhalten, einen Erfolg verbuchen zu können, trifft uns mit Freude. Die wiederum kann uns motivieren, neue Entscheidungen zu treffen und realitätsnah mit „Versprechen“ umzugehen. Unsere Zweifel sind oft ausschlaggebend, dass wir manchmal gar nicht so wirklich daran glauben wollen und die Aussage selbst nicht annehmen können, sondern auch wieder einem Vergleich unterziehen.

Wie gehen wir also damit am besten um? Ich glaube, die eine Lösung wird es nicht geben. Denn sich von allen Erwartungen loszusagen, könnte auch manchmal auf den Irrweg führen, von niemanden mehr Hilfe oder Zuspruch anzunehmen. Und hier spreche ich selbst aus eigener Erfahrung. Nur niemanden zur Last fallen oder gar eine Schwäche zeigen. Ein Irrtum. Ich glaube, dass das richtige Mittel wie in vielen Fällen die Dosis bzw. der Maßstab sein könnte, an dem wir uns orientieren können. Wie beim sportlichen Wettbewerb möchten wir, Ziele erreichen und uns mit anderen messen. Eigene Erwartungen an sich zu erfüllen, bedeutet auch, sich selbst zu verwirklichen und sein Leben zu gestalten. Der neue Weg wäre möglich, wenn wir mehr und mehr die Passivität in Aktion wandeln. Offen zu sein für neue Erkenntnisse und Möglichkeiten, unabhängiger zu werden, nicht mehr das Gefühl von Ohnmacht und unerfüllter Bedürfnisse wahrzunehmen. Weniger nebulösen Vermutungen zu erliegen, sondern eigene Entscheidungen treffen, wie man mit der Gefahr der Emotion möglicher Enttäuschungen umgeht. Weniger nur erwarten und dafür neue Chancen zu erhalten, aus eigener Kraft, Fülle und Lebensqualität zu erreichen. Flügel wachsen lassen und damit sich selbst von der Erwartung zu lösen, Standards entsprechen zu müssen. Nicht nur die Ansprüche aus der Vergangenheit sehen, sondern das Leben mehr in der Gegenwart annehmen oder verändern. So wie Du das willst.
Und dafür gilt: Warte nicht ab, und starte durch. Denn genau jetzt ist der richtige Moment.

Fotos: © Uta Lewien